Klaus Weißinger
Wie ein falsch verorteter Sumpf Faust zum Versager machte
Wie ist es möglich geworden, dass Faust in manchen heutigen Inszenierungen als sabbernder Lüstling über die Bühne kriecht? Warum gilt Goethes wichtigste literarische Figur in der neueren Rezeption häufig nur noch als Antiheld, der als blinder Illusionist moralisch wie ökonomisch tragisch scheitert? Diese heute weithin akzeptierte Auffassung beruht auf einem folgenreichen geographischen Missverständnis im 5. Akt von „Faust II“, das sich in Teilen der Forschung verfestigt und seitdem vielfältig weiterverbreitet hat. Dabei wurde der Sumpf, der angeblich alles von Faust Erreichte – sein Landgewinnungsprojekt – zerstören soll, schlichtweg falsch verortet. Verortet man ihn jedoch richtig, ergibt sich ein ganz anderes Bild.
Wenn man nur „Faust I“ im Blick hat, erscheint der kritische Blickwinkel durchaus als berechtigt. Der Protagonist lebt seine Triebe aus, lässt seine Geliebte, das junge Gretchen, sitzen und ist mit schuld an ihrem Tod und dem Tod ihrer Familie. »Heinrich! Mir graut‘s vor dir« sind Gretchens letzte Worte; sie bringen die Tragödie des ersten Teils auf den Punkt.
„Faust II“ ist jedoch ganz anders. »Wir sehn die kleine, dann die große Welt« (V. 2052), so lautet Mephistos Programm für Faust – aber der will nicht nur »sehn«, sondern auch schaffen. Durch einen Heilschlaf kann Faust die Erlebnisse der »kleinen Welt« hinter sich lassen und in der »großen Welt« ein neues Leben beginnen. Am Kaiserhof hilft er, die Finanzkrise durch die Einführung von Papiergeld kurzfristig zu überwinden. Das neue Geld wird jedoch hauptsächlich konsumiert; es entsteht eine Inflation, die das Reich später in eine neue Krise führt. Faust bringt es zuwege, sich mit der mythologischen Helena im antiken Griechenland zu verbinden und an ihrer Seite über ein neu geschaffenes Land mit Erfolg zu herrschen. Nach dem Tod des gemeinsamen Sohns kehrt er in die Realität zurück. Faust hat in den ersten drei Akten ökonomisches Handeln und das Regieren gelernt. Um seine weitreichenden Pläne einer Neulandgewinnung aus dem Meer umzusetzen, braucht er nur noch Landbesitz. Mithilfe Mephistos verhilft er dem Kaiser zum Sieg über den Gegenkaiser und erhält als Belohnung ein Lehen an »des Reiches Strand«. Während eines gewaltigen Zeitsprungs von knapp 50 Jahren betreibt Faust dort Neulandgewinnung und gestaltet eine blühende Kulturlandschaft nach seinen Vorstellungen.
Soweit scheint Fausts Lebensweg durch „Faust II“ insgesamt erfolgreich zu sein. Betrachtet man jedoch einen großen Teil der Faust-Sekundärliteratur der letzten Jahrzehnte, ist davon die Rede, dass Faust am Ende gescheitert sei. Dazu zwei Beispiele: Oskar Negt: „Fausts Karriere geht aus vom verzweifelten Intellektuellen und endet beim gescheiterten Unternehmer“ (Negt: Die Faust-Karriere. Göttingen. 2006. S. 282). Michael Jaeger: Faust sei ein „vermeintlicher Heroe“ und „eine veritable Unglücksfigur, die die Negation der gesamten Philosophie Goethes und aller Zivilisationsideale personifiziert“ (Jaeger: Global Player Faust oder Das Verschwinden der Gegenwart. Berlin. 2008. S. 12).
Worauf stützt sich die Ansicht dieser Autoren? Letztlich auf die Interpretation folgender vier Verse aus Fausts Schlussmonolog (fünfter Akt, V. 11559-62):
Ein Sumpf zieht am Gebirge hin,
Verpestet alles schon Errungene;
Den faulen Pfuhl auch abzuziehn,
Das letzte wär das Höchsterrungene.
Faust möchte einen Sumpf entwässern, der nach verbreiteter Ansicht das neugewonnene Land bedroht. Dazu kommt es vor seinem Tod nicht mehr. Viele Autoren folgern daraus, das ganze neugeschaffene Land sei nun dem Untergang geweiht und Faust nicht nur mit dem Neulandprojekt, sondern mit seinem kompletten Lebensentwurf gescheitert. Dagegen habe Mephisto gesiegt. Man übernimmt dazu auch die Aussage Mephistos (der ja ein „Lügenteufel“ ist), der »Wasserteufel« Neptun werde alles wieder zerstören, ohne zu fragen, wann diese »Prophezeiung« eintreten soll. Die gebauten Deiche haben immerhin seit knapp 50 Jahren bewiesen, dass sie gut gebaut sind.
Ein falsch verorteter Sumpf ist letztlich schuld daran, dass sich die heute verbreitete Auffassung etablieren konnte, Faust sei ein Antiheld. Was für ein Irrtum! Vielleicht einer der hartnäckigsten Irrtümer der neueren Faust-Deutung. Er basiert vornehmlich auf der irrigen Annahme, dass jener Sumpf in dem vom Meer bereits abgerungenen Neuland sei – das ist aber nicht möglich, denn er soll sich laut Text in der Nähe eines Gebirges befinden (»Ein Sumpf zieht am Gebirge hin«). Neulandgewinnung kann man in dieser Größenordnung nur an einem Flachmeer betreiben, und um ein solches handelt es sich hier; im neu gewonnenen Land kann also kein Gebirge sein. Die Autoren ignorieren dieses Problem oder sie meinen, dass die Deiche oder die Dünen als »Gebirge« zu verstehen seien oder dass Goethe vielleicht nur aus Versehen »Gebirge« geschrieben habe.
Ein zweiter zentraler Widerspruch in der Argumentation der Negativdeuter besteht darin, dass nicht berücksichtigt wurde, an welcher Stelle der Bau des geplanten Entwässerungsgrabens eigentlich beginnt. Der erste Spatenstich findet nämlich vor Fausts Palast statt (dass Mephisto stattdessen hier Fausts Grab ausheben lässt, ändert nichts an dem folgenden Argumentationsgang). Dieser Palast steht in unmittelbarer Nachbarschaft der Düne von Philemon und Baucis, also am ehemaligen Ufer des Meeres, bevor es von Faust zurückgedrängt wurde. Wenn der Sumpf, wie die Autoren denken, im Neuland läge, würde Faust den Entwässerungsgraben auf der höher gelegenen Seite beginnen lassen. Das wäre doch völlig unsinnig: Das Wasser müsste gegen das Gefälle abgeführt werden.
Man muss sich auch einmal deutlich vor Augen stellen, wie intensiv sich der alte Goethe, als er den fünften Akt schrieb (zwischen 1825 und 1831), über Deich-, Kanal- und Hafenbau informierte. Nur zwei Belege dafür: Nach der Sturmflut im Februar 1825 schickte Goethe Johann Peter Eckermann an die Unterelbe, damit dieser ihm von dem Geschehen und dem Wiederaufbau berichten konnte. Eckermann berichtet auch von seiner Begegnung mit Goethe am 10.2.1829, dass er ihn »umringt [fand] von Karten und Plänen in Bezug auf den Bremer Hafenbau, für welches großartige Unternehmen er ein besonderes Interesse zeigte« (Eckermann, Johann P.: Gespräche mit Goethe. Leipzig. 1987. S. 290). Goethe brachte all dem, was er seinen Faust im fünften Akt hat schaffen lassen, das größte Interesse entgegen und hatte sich intensiv über Neulandgewinnung und deren wirtschaftliche Voraussetzungen informiert, obwohl er selbst nie an der Nordsee gewesen war. Der fünfte Akt ist eine wunderbare Darstellung dieser Thematik, und das Norddeutsche Tiefland dient Goethe als Folie (!) für die Landschaft, in der Faust wirkt, weil dort geographisch alles zusammenpasst.
Der Sumpf ist also nicht im bisher geschaffenen Neuland zu finden, wie viele Faust-Autoren denken, weil sie nämlich buchstäblich in die falsche Richtung geblickt haben. Man müsste sich nur einmal vorstellen, man stünde wie Faust auf der höchsten Düne, die er als ein »Luginsland« bezeichnet, »um ins Unendliche zu schaun« (V. 11344f). Zunächst überschaut man noch Fausts »Weltbesitz«, »zu sehn, was alles [er] getan«, dann würde man sich wie auch Faust äußerlich und innerlich um 180° umwenden und ins Hinterland blicken, wo Faust ein weiteres Neulandprojekt plant, indem er den dort sich befindenden Sumpf (»am Gebirge«!) austrocknen möchte. Diese Kehrtwende ermöglicht es erst, den Blick so zu erweitern, dass er sogar bis »ins Unendliche« reicht, wie Faust es sich erhofft. Aus dieser dann alles umfassenden Überschau heraus ist die im fünften Akt enthaltene Landschaft geographisch vollkommen stimmig. Im Norddeutschen Tiefland, das hier wie gesagt als Folie dient, ist es auch so, dass es das Gezeitenmeer und das fruchtbare Neuland (die Marsch) gibt, worauf weiter ins Landesinnere hinein die Geest folgt, dann auch viele Sümpfe, bis schließlich der Rand der Gebirge folgt (u.a. der Teutoburger Wald).
Nachdem sich Faust in den Besitz des »Luginslands« gebracht hat, lässt ihn die „Sorge“ erblinden. War er davor in einer ähnlich üblen Stimmung wie am Anfang von „Faust I“, ist er nun plötzlich voller Tatendrang, weil ihm das geplante neue Projekt der Sumpfaustrocknung im Hinterland vor dem inneren Auge steht. Er wendet also imaginativ seinen Blick vom Geschaffenen im bereits bestehenden Neuland zum noch zu Schaffenden ins Hinterland. Dieser imaginative Blick reicht dann über den Sumpf hinweg noch weiter zu den Bergschluchten, in denen kurz darauf nach seinem Tod sein himmlisches Dasein beginnt. Damit ist äußerlich und innerlich die Brücke geschlagen zu der letzten Szene „Bergschluchten“, in der sich Fausts Entwicklungsweg im »Unendlichen« fortsetzen wird (siehe Karte 1 und 2).
Das bisher geschaffene Neuland, von dem alle Figuren im fünften Akt nur positiv sprechen, ist als das große gelungene Wirtschaftsprojekt von Faust anzusehen, mit dem er alles, was er in „Faust II“ gelernt hat, umsetzt. In dieser Hinsicht ist Faust nicht gescheitert. Damit wird weder seine Schuld noch die Gewaltförmigkeit seines Vorgehens beseitigt. Die Ermordung von Philemon und Baucis bleibt die moralische Katastrophe von Fausts Unternehmen. Aber moralische Schuld und räumlich-technisches Scheitern sind nicht dasselbe. Gerade diese Kategorien werden in der Negativdeutung häufig miteinander vermengt. Es hat sich hier eben auch nicht, wie Rüdiger Safranski (In: Goethe – Kunstwerk des Lebens. München. 2013, S. 621) meint, der »beängstigende Horizont der großen Vergeblichkeit« eröffnet. Ebenso wenig handelt es sich, wie Hans Christoph Binswanger in „Geld und Magie“ (2009) meint, um eine Fortsetzung der Geldmagie, um ein „Scheitern (…) des alchemistischen Bestrebens“ (S. 80) von Faust, sodass alles nur als Illusion uminterpretiert wird. Die geographische Deutung zeigt hingegen, dass die Landgewinnung innerhalb der dramatischen Welt als tatsächlich vollzogen vorausgesetzt wird, dass Faust in der »großen Welt« von „Faust II“ durchaus erfolgreich agiert hat und Mephistos Kräfte trotz mancherlei Korrumpierungen zu nutzen wusste.
Den umfassenden Nachweis für die geographische Deutung des fünften Akts hat der Autor dieser Zeilen in seiner Studie „Goethes Faust: Ökonom – Landesplaner – Unternehmer“ (Frankfurt a. M. 2016) geführt. Diese Deutung ist in der Fachwelt nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern von mehreren Forschern ausdrücklich positiv beurteilt worden. Bereits 2017 schrieb Dieter Borchmeyer im Goethe-Jahrbuch 134, die Studie sei „mit der dominierenden Negativsicht Fausts als eines gescheiterten Egomanen und Illusionisten ins Gericht gegangen“, sodass vom gescheiterten Unternehmer nicht mehr die Rede sein könne. Tim Willmann attestierte ihr 2019 in „Germanistik“ (Band 60, Heft 1–2), sie vermöge „der Faust-Forschung neue Impulse zu geben“. Besonders deutlich äußerte sich schließlich Rüdiger Scholz in der 2. Auflage seiner „Geschichte der Faust-Forschung“ (2022, S. 986): Er hebt nicht nur hervor, dass sich „Weißinger entschieden gegen die negative Bewertung von Fausts Kolonisationsprojekt“ wendet, sondern beurteilt auch die Beweisführung selbst als schlüssig: „Dass Fausts Kolonisationsprojekt nicht scheitert, beweist Weißinger schlüssig durch eine detailgenaue Analyse aller Ortsangaben für das Projekt in Goethes Text.“
In seinem wichtigsten literarischen Werk stellt Goethe mit seiner Faust-Figur weitblickend den modernen Menschen in seiner Auseinandersetzung mit dem Bösen dar. Faust scheitert immer wieder, ist aber auch immer wieder erfolgreich. Bis zu seinem Ende lässt er sich von dem Bösen nicht unterkriegen, sondern stellt es unablässig in seinen Dienst. Sein am Ende visionärer Blick über den Sumpf hinweg lässt sich zugleich als Vorausweisung auf die „Bergschluchten“ verstehen, in denen sein Weg nach dem Tod seine organische Fortsetzung findet. Das unermüdliche Streben, das eben stets auch mit Irrtum behaftet ist (»Es irrt der Mensch, solang‘ er strebt«, so der Herr im „Prolog“), führt zur nachtodlichen Metamorphose. Dort wird der Gelehrte zum spirituellen Lehrer der seligen Knaben, kurz nach der Geburt verstorbener Seelen, die über Faust sagen: »Dieser hat gelernt / Er wird uns lehren« (V. 12082). Faust soll ihnen alles über das Irdische beibringen, worüber sie durch ihren frühen Tod nichts haben erfahren können. Die versammelten himmlischen Wesen setzen in Faust ihr ganzes Vertrauen, denn sie wissen über ihn: »Wer immer strebend sich bemüht, / Den können wir erlösen«. Der Schluss des Dramas widersetzt sich daher der Reduktion Fausts auf einen gescheiterten Illusionisten. Wer ihn dennoch darauf reduziert, muss jedenfalls erklären, warum Goethes Schluss diese Negativdeutung so auffällig unterläuft.
Es ist an der Zeit, Faust von seinem zeitgeistigen Zerrbild zu befreien. Das bedeutet nicht, aus ihm nachträglich einen Helden ohne Schuld zu machen. Goethe hat mit Faust nicht ausschließlich eine Warnung vor ungezügeltem Streben, sondern insbesondere ein wegweisendes Porträt des Menschen geschaffen, der das Böse nicht ausblendet, sondern sich mit ihm auseinandersetzt, um seine Ideale durch sinnvolles Tätigsein zu verwirklichen. Insofern spricht Faust auch uns moderne Menschen in durchaus optimistischer Weise an.
Literatur:
Weißinger, Klaus: Besitz und Genuss in Goethes Faust. Dissertation. 2015
Weißinger, Klaus: Goethes Faust: Ökonom – Landesplaner – Unternehmer. Frankfurt a. M. 2016
Abbildungen: Holger Klotz
Erstveröffentlichung des Essays am 15.08.2026 auf www.klaus-weissinger.de